Nachtbibliothek | Ein Literaturblog Willkommen im Lesesaal des Lebens

Laut für leise und langsam: Der Silent Book Club

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Die Lust aufs Lesen, aufs Buch – sie ist laut Statistiken rückläufig. Immer weniger Menschen kaufen Bücher, immer weniger Menschen nehmen überhaupt noch ein Buch in die Hand. Um so erstaunlicher, dass zugleich Lesezirkel und Bookclubs boomen. Einen etwas anderen Buchclub veranstalte ich seit gut zweieinhalb Jahren in unserer Bücherhalle: Den Silent Book Club. Ein ganz persönlicher Blick hinter die Kulissen.

Das Lesen von Büchern ist unbestritten eine einsame und intime Tätigkeit. Was bei der Lektüre zwischen Leser*in und dem Text geschieht oder nicht geschieht, bleibt im eigenen Kopf. Bilder, Gedanken und Gefühle, die durch den Text erschaffen oder ausgelöst werden, befinden sich im Geist der Leserin oder des Lesers. Dort können sie das (Nach-)Denken anregen, Assoziationen bilden oder einfach nur verpuffen und zu gepflegter Langeweile führen. All dies bleibt ein Geheimnis , solange Leser*innen darüber schweigen. Das Lesen von gedruckten Büchern ist ein autarker und unabhängiger Akt. In Zeiten von Internet und Social Media ist diese Art von Lesen möglicherweise sogar ein Akt der Rebellion, des Widerstands gegen Cookies, Clickbait und Kontrolle. Es ist auch ein Akt der Entschleunigung, wenn man bereit ist, sich auf den Text einzulassen.

All das kann wunderbar in der stillen Kammer geschehen. Zum Lesen von Büchern braucht es keine Gemeinschaft. Manchmal stört sie eher, wenn man, wie ich, morgens und abends eine halbe Stunde Lektürezeit in der S-Bahn hat und durch laut schnatternde Mitreisende (»Digga, bin gleich Hauptbahnhof!«), schreiende Kinder (»Maaaaaama!«) oder lautem Gedudel aus einem Smartphone (»BummBUMMBumm«) abgelenkt wird. Lesen in der S-Bahn ist in diesen Zeiten eine besondere Herausforderung. Warum also sollte ich ganz aktiv für meine Buchlektüre eine Gemeinschaft suchen? Genau das ist ein Kernelement des Silent Book Clubs. Leserinnen und Leser lesen gemeinsam in Stille.

Bring your own Book – Bring Dein eigenes Buch mit!

Wenn ich von unserem Silent Book Club berichte, dann ist dies eine oft gehörte Frage: Warum soll ich mit anderen lesen, wo ich es doch alleine zu Hause viel gemütlicher habe und niemand da ist, der mit ablenkt? Ist das wirklich so? War da nicht noch die Spülmaschine, die ein- oder ausgeräumt werden sollte? Habe ich die Blumen gegossen? Blinkt da nicht etwas auf meinem Smartphone? Hat der Weltuntergang schon begonnen? Ablenkungen »drohen« auch daheim, es ist die eigene Konzentration, die sich Ablenkungen widersetzt – und die funktioniert nicht immer.

Ich kann es völlig nachvollziehen, wenn jemand lieber für sich alleine lesen möchte. In der Regel ist das auch meine bevorzugte Lektüresituation, auf dem Sofa, am Küchentisch oder im Bett. Einmal im Monat ist dies aber anders: Dann treffen »wir« uns zum Silent Book Club in der Bücherhalle Elbvororte. Seit zweieinhalb Jahren findet der SBC dort statt. Das Ritual – denn das ist der SBC sicher auch – hat eine recht feste Struktur: Alle Teilnehmer*innen kommen an, nehmen sich einen Tee oder ein anderes Getränk, stellen sich in einer kurzen Runde vor und berichten von dem Buch/den Büchern, die sie in der kommenden Stunde lesen möchten. Inhaltliche Beschränkungen gibt es nicht: Sachbücher, Romane, Kinder- oder Jugendbücher, Bildbände, Comics, Mangas – bring your own book (BYOB).

Jenseits der Bubbles und Shitstorms

Nach der Vorstellungsrunde wird es still und alle lesen. Vollkommene Stille ist eine Illusion, Blätter rascheln beim Umblättern, jemand muss kurz austreten, in der restlichen Bibliothek sind weitere Besucher*innen, die durch ein Schild freundlich um Ruhe geben werden. In den allermeisten Fällen funktioniert das. Die SBC-Teilnehmerinnen sind unterdessen in ihren Büchern versunken, manchmal legt jemand sein Buch zur Seite, um innezuhalten. Nach einer Stunde schlage ich dann einen kleinen Gong, und dieser Moment ist auch für mich wunderbar. Es ist, als ob ich die Leser*innen aus einer Art Trance heraushole. Ganz bewusst lasse ich ein, zwei Minuten verstreichen, bitte leise darum, wieder zu uns zu kommen. Dieser kurze, zarte Moment beweist, wie sehr jemand in einem Buch, in der Lektüre versinken kann.

Wenn alle wieder aufnahmebereit sind, geht es in die Austauschrunde. Wer mag über seine, über ihre Lektüre berichten? In diesen Minuten entsteht das nächste Wunder: Wir sprechen über die unterschiedlichsten Dinge: Mal ist des die Geschenke-Ökonomie, angeregt durch »Die Großzügigkeit der Felsenbirne«, mal ist es der Kampf gegen den Faschismus (und was der mit dem Kapitalismus zu tun hat), weil jemand eine Marx-Biographie dabei hatte. Mal sind des die Verrücktheiten einer Hochzeit, basierend auf dem Roman »Wedding People«, mal ist es der Kampf eines türkischen Journalisten gegen die Bedrohung seines Lebens durch den türkischen Machtapparat (»Ich traf meinen Mörder« von Can Dündar). Jede und jeder kann zu Wort kommen und die anderen hören zu. Das ist so wunderbar! Wunderbar weit weg vom Internet und seinen Bubbles, Communities und Shitstorms. Es findet ein Austausch statt. Respektvoll. Dankbar. Freundlich. Zugewandt. So, wie es eigentlich auch an anderen Orten sein sollte.

Die Stunde der Stillen

Nach dem Austausch, der gelegentlich auch nochmal eine Stunde benötigt, legen wir alle Bücher zum Gruppenfoto zusammen, damit Leseempfehlungen nicht vergessen werden. Mittlerweile ist aus dem »Wir« ein konstante Gruppe geworden, zu der immer wieder neue Leser*innen dazu kommen, andere setzen für ein, zwei Mal aus, andere kommen nicht wieder. All das ist gut so, wie es ist. Denn das allerwichtigste bei Silent Book Club: Er ist zwanglos. Niemand muss hier irgendwas machen. Niemand wird zu einem Buch »gezwungen«, niemand muss in einer bestimmten Zeit ein bestimmtes Lesepensum absolviert haben. Wer nur lesen möchte und auch in der Austauschrunde schweigen möchte, sehr gerne! Wer den Raum verlassen möchte und sich in irgendeinen anderen Winkel der Bibliothek setzen möchte – tu das gerne!

Mit Augenzwinkern wird der Silent Book Club auch die »Happy Hour für Introvertierte« genannt. Nun, nicht alle sind introvertiert, aber es sind doch einige Menschen darunter, die eher leise und bedächtig sprechen – dabei aber oft wichtige Dinge aussprechen. Der Silent Book Club ist auch ein Platz für diejenigen, die zurückhaltend und ruhig sind. Innerhalb dieses Rahmens gibt es für sie die Möglichkeit, sich auszutauschen. Ein stiller Rückzugsort, ein offener Raum mit freundlicher und wohlgesonnener Gesellschaft. Genau das tut gut in dieser lauten und hastigen Zeit. Ich bin dankbar, dass es ihn gibt.

Weiterführende Links

Hinweisschild für den Silent Book Club
Hinweisschild für den Silent Book Club

Schönes Lesen noch!

Über den Nachtbibliothekar

Karl Ludger Menke

human since 1966 | librarian since 1992 | dj since 1994 | online editor since 1999 | blogger since 2005 | head of a public library since 2022 | t.b.c.

2 Kommentare

  • Das ist eine tolle Sache – endlich mal ein Angebot für leise Menschen, die in der immer lauter werdenden Welt gerne einmal “übertönt” werden.

    Super, dass du so etwas in deiner Bücherhalle ins Leben gerufen hast.

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