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Fünf Frauen und ein Bild – Anmerkungen zu Alena Schröders »Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel«

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Mit dem dritten Band »Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel« endet Alena Schröders Trilogie um Urgroßmutter Senta, Großmutter Evelyn, Mutter Silvia und (Enkel-)Tochter Hannah. Ihre Geschichten zogen mich schon in den Vorgängerbänden in den Bann und bekommen nun Verstärkung durch eine weitere Figur: Marlen. Fünf Frauen, verbunden durch ein verschollen geglaubtes Kunstwerk. Eine gelungener Abschluss über Kunst, Leben, Künstlerleben und Lebenskünstlerinnen.

»Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid« lautet der Titel des 2021 erschienen Debütromans der Berliner Autorin Alena Schröder. Ein Titel, bildstark und poetisch, der einen roten Faden durch die weiteren Bücher legt, bei denen Senta, Evelyn, Silvia und Hannah mit wechselnder Gewichtung im Mittelpunkt stehen. Der Titel ist zugleich die ikonographische Beschreibung eines verschollenen Bildes, das dem holländischen Maler Jan Vermeer zugeschrieben wird. Zum anderen taucht die Figur einer »jungen Frau« in allen Büchern auf, in unterschiedlicher Besetzung.

Das Bild spielt in der Familiengeschichte der vier Frauen eine wichtige Rolle. Es sollte eine finanzielle Rückversicherung für die kleine Evelyn sein, die damals von ihrer Mutter Senta in die Obhut ihrer Tante nach Mecklenburg gegeben wurde. Statt sich um ihre Tochter zu kümmern, lebt Senta während der 1920er Jahre in Berlin und lernt ihren zweiten Ehemann Julius Goldmann, Sohn eines jüdischen Kunsthändlers, kennen. Viele Jahre später erhält Evelyn – mittlerweile Mutter und Großmutter – einen Brief aus Israel, der sie auf das verschollene Kunstwerk aufmerksam macht. Ihre Enkelin Hannah will diesem Geheimnis und dem Bild auf die Spur kommen – doch ihre Großmutter schweigt über die Vergangenheit.

Zwischen Müttern und Töchtern

Schweigen ist der Anknüpfungspunkt für den zweiten Roman »Bei euch ist es immer so unheimlich still«, der 2023 erschien und in dem das schwierige Verhältnis zwischen Evelyn und ihrer Tochter Silvia thematisiert wird. Silvia, die mit ihrer kleinen Tochter Hannah kurz nach der Maueröffnung zu ihrer Mutter in ein kleines, süddeutsches Kaff zieht. Unausgesprochene Familiengeheimnisse bestimmen diesen zweiten Teil genauso, wie starke, selbstbewusste Frauen, die sich gegen die Konventionen ihrer jeweiligen Zeit behaupten.

Dieses Motiv setzt sich in dem nun erschienen dritten Roman »Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel« fort. Auch hier spielt das verschollenen Bild eine Rolle. In den Mittelpunkt rückt die erwachsene Hannah, die 2023 in Berlin lebt. Ihre Mutter Silvia und ihre Großmutter Evelyn sind tot, Evelyn hat ihrer Enkelin eine Wohnung hinterlassen, so dass Hannah in diesem Punkt abgesichert ist. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Rubi führt sie ein harmonisches WG-Leben, bis Rubi ihr eröffnet, dass sie schwanger ist und mit ihrem Freund Max in eine landwirtschaftliche Kommune ziehen will.

Kaum ist Rubi ausgezogen, platzt plötzlich Hannahs Vater in ihr Leben. Martin (Papa) van der Kampen, erfolgreicher Rechtsanwalt, verheiratet mit Elisabeth und zwei Söhnen – Konstantin und Lukas – möchte nach jahrelangem Schweigen Kontakt zu seiner Tochter aufnehmen. Er behauptet, dass Silvia und Evelyn ihm den Umgang mit Hannah untersagt hätten. Hannah reagiert misstrauisch auf die Kontaktaufnahme und sucht Rüdiger auf, den besten (schwulen) Freund ihrer verstorbenen Mutter Silvia. Der ist nach langen Jahren in den USA just nach Berlin zurückgekehrt. Hannah und er schwelgen in Erinnerungen, doch eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob ihr Vater gelogen hat oder nicht, erhält sie auch von Rüdiger nicht.

Die Liebe zur Malerei

Parallel zu der Geschichte von Hannah verläuft ein zweiter Handlungsstrang, der zwischen 1945 und 1990 spielt und das Schicksal von drei weitern starken Frauen beleuchtet. Es geht um Marlen, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs ihre Mutter und ihren Bruder beim Massensuizid in Demmin verliert. Sie überlebt als einzige ihrer Familie und findet, während die Rote Armee vorrückt, Zuflucht bei Wilma und ihrer Helferin Burgel in einem Forsthaus bei Güstrow. Wilma war mit Jon verheiratet, einem Künstler, der – so vermutet sie – irgendwo in der Sowjetunion gefallen ist. Wilma tritt in die Fußstapfen von Jon und wird im Laufe der Zeit eine anerkannte Künstlerin in der DDR. Doch plötzlich taucht Jon unerwartet auf, völlig verwahrlost und abgemagert. In einem Klima der Spannung leben alle vier unter einem Dach. Marlen hat dabei ihr eigenes Geheimnis: In ihrem Versteck hat sie eine Leinwand gefunden.

»Die Einlage aus alten Zeitungen war aufgerissen und darunter war ein kleines Bild zum Vorschein gekommen. Marlen zog die fransige Leinwand heraus, kaum größer als ein Schulheft. Sie hatte an einer Stelle mit dem Fingernagel die Farbschicht zerkratzt, man erkannte noch eine Frau in einem blauen Kleid, die am Fenster einer Wohnstube stand. Da, wo ihr Kopf gewesen sein musste, waren allerdings kaum noch Konturen, als hätte eine Granate dem armen Mädchen den Kopf weggesprengt, während es am Fenster stehend auf etwas wartete.«

Alena Schröder: Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel. – Seite 18/19

Marlen entdeckt, wie Wilma, ihre Liebe zur Malerei, bewirbt sich sogar für die Kunsthochschule, wird aber abgelehnt. Dafür gibt es einen Grund, den nur Wilma kennt. Auf keinen Fall darf Marlen sie verlassen, denn das Mädchen ist unerlässlich für ihr eigenes, künstlerisches Schaffen. Dafür nimmt sie in Kauf, die junge Marlen fest an sich zu binden und sie letztlich in eine psychische Abhängigkeit von ihr zu bringen. Später, viel später, werden sich die Wege von Marlen und Hannahs Großmutter Evelyn kreuzen – in einen Notaufnahmezentrum kurz nach dem Fall der Mauer. Bis dahin erwarten die Leser*innen einige erzählerische Wendungen – sowohl in Hannahs wie auch in Marlens Geschichte, denen ich atemlos gefolgt bin.

Abschied von Senta, Evelyn, Silvia und Hannah

Wie schon in den beiden Vorgängerromanen gelingen Alena Schröder auch in »Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel« wunderbar lebenspralle und lesenswerte Charakterzeichungen. Ihre Figuren bekommen – bis hin zu den Nebenfiguren – eine faszinierende Tiefe und werden von der Autorin psychologisch fein ausgeleuchtet. Es sind nicht immer sympathische, dafür aber hoch interessante Figuren. Die Spannungen und Konflikte, die sich zwischen einzelnen Personen entwickeln, sind realistisch und packend eingefangen. Erfrischend ist dabei der blitzgescheite Humor, der zwischen all den kleineren und größeren Dramen aufscheint. Hier ist eine Autorin am Werk, die ihre Figuren und ihre Leser*innen ernst nimmt.

Hinzu kommen ein klug gesetztes Setting und präzise ausgewählte Zeitbezüge, wie etwa der Massensuizid in Demmin oder die Lage in einem Notaufnahmezentrum kurz nach dem Mauerfall 1989. Nicht nur ihre Figuren, auch Orte, Räume und historische Ereignisse sind plastisch und realistisch abgebildet. Alena Schröder merkt man ihre Verbindung zur Kunst an, denn sie schafft mit ihren Worten farbenfrohe, feine Stilleben und Portraits, die spannende Geschichten zu erzählen haben. Das ist bezaubernd, unterhaltsam und absolut lesenswert. Einziger Wermutstropfen: Vermutlich ist die (Familien-)Geschichte von Senta, Evelyn, Silvia und Hannah damit aus erzählt. Was einerseits schade ist, andererseits darf man auf jeden Fall gespannt sein, welche Geschichten uns Alena Schröder noch zu erzählen hat.

Bibliographische Angaben:


Gelesen habe ich folgende Ausgabe:

Alena Schröder: Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel. – München : dtv, 2026. – 349 Seiten. – ISBN 978-3-423-28528-5. – 23. – € (gebundene Ausgabe)

Die weiteren Bände aus der Reihe um Senta, Evelyn, Silvia und Hannah:

Alena Schröder: Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid. – München : dtv, 2021. – 366 Seiten. – ISBN 978-3-423-28273-4. – 22.- € (gebundene Ausgabe)

Alena Schröder: Bei euch ist es immer so unheimlich still. – München : dtv, 2023. – 335 Seiten. – ISBN 978-3-423-28339-7. – 24. – € (gebundene Ausgabe)

Bücher von Alena Schröder, im Vordergrund »Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel«
Alena Schröder: Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel

Schönes Lesen noch!

Über den Nachtbibliothekar

Karl Ludger Menke

human since 1966 | librarian since 1992 | dj since 1994 | online editor since 1999 | blogger since 2005 | head of a public library since 2022 | t.b.c.

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